Um Kopf und Kragen mitGEredet…

Diskussionsrunde mit den Bewerbern für den Schalker Aufsichtsrat

Trotz Hitze, Stau, Confed-Cup und Livestream lassen es sich rund 60 vereinspolitisch interessierte Schalker nicht nehmen, live und vor Ort an der Fragerunde mit den diesjährigen Bewerbern für den Aufsichtsrat teilzunehmen. Und sie erleben im „Glückauf Club“ einen spannenden Abend, an dem eindeutig klar wird: Das „Aufregerthema“ der königsblauen Mitgliederversammlung 2017 sind nicht die Personen der Kandidaten, sondern der äußerst umstrittene Satzungsantrag zur Reform des Wahlausschusses.

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Pünktlich um 19.04 Uhr wird das Publikum, darunter auch Mitglieder des amtierenden Wahlausschusses und Aufsichtsrates und Bewerber für den Wahlausschuss, mit einem kurzen Einspielfilm „Schalker von Herzen, Schalker für immer“ begrüßt. Anschließend möchte sich sky-Moderator Stephan Schäuble sofort auf die Kandidaten stürzen, wird aber von einem Zuhörer ausgebremst: Er möchte sich doch bitte auch einmal kurz vorstellen…? Ruhrpott halt, klare Ansage.

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Es folgen in alphabetischer Reihenfolge Kurzinterviews mit den vier Bewerbern. Prof. Dr. Stefan Gesenhues war in seiner Jugend Stürmer („einmal 27 Tore in einer Saison!“) und möchte mithelfen, Schalke wieder weiter nach oben zu führen. Axel Hefer war früher Linksverteidiger („aber nicht ganz so talentiert wie Kola“) und hofft, dass ihm die Mitglieder für weitere strukturelle Verbesserungen das Vertrauen schenken. Uwe Kemmers Position war Rechtsverteidiger („ich konnte gut laufen und flanken“); er möchte nach zwei Jahren Auszeit wieder die Herausforderung Aufsichtsrat annehmen, weil viel zu tun sei. Dr. Armin Langhorst war Rechtsaußen („Flankengöttchen, aber für ganz oben hat es nicht gereicht“) und sieht seine vergangenen sechs Jahre im Aufsichtsrat mit gemischten Gefühlen: Das Zusammengehörigkeitsgefühl sei nicht so ausgeprägt gewesen, wie er sich das gewünscht habe.

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Als dann alle in sommerlich-legerer Kleidung auf dem Podium vor der Kohlen-Wand Platz genommen haben, bekommen sie mehr Zeit für ihre Vorstellung. Gesenhues als einziger vollkommener Schalker-Aufsichtsrats-Neuling betont, „neu“ müsse ja kein Nachteil sein, sondern stehe auch für unbelastet und frische Ideen. Er habe aus Fan-Perspektive kein wirkliches Konzept erkennen können und möchte gerne helfen, ein solches aufzustellen und das Scouting zu verbessern. Wichtig sei ihm, der beruflich u. a. als Scout und Coach für junge medizinische Spitzenkräfte tätig ist, insbesondere ein besseres „Kümmern“ um die Absolventen der Knappenschmiede, beispielsweise mit einem Mentorenmodell. Und: Das Wichtigste seien die Fans, „sonst wären wir nicht mehr da, wo wir noch sind!“

Hefer gibt offen zu, dass sein Start im Aufsichtsrat „holprig“ gewesen sei, im letzten Jahr habe sich aber Vieles verbessert. So sei beispielsweise die Entscheidungsfindung bei Budgets geändert und eine Strategie entwickelt worden. Es sei wichtig, ein langfristiges Ziel zu haben und professionell darauf hinzuarbeiten.


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Kemmer lobt, es dringe weniger nach außen, dies sei anders als z. B. beim HSV. Schalke habe eine gute Controllingabteilung, so dass immer gute Zahlen vorlägen. Aufgabe des Aufsichtsrates als Kontrollgremium sei aber nicht, einzelne Spieler zu verpflichten. Er habe engen Kontakt zu Norbert Elgert, dieser sei frustriert, weil Kolasinac nicht gehalten werden konnte. Beim 4:3-Sieg in Madrid standen noch acht Spieler aus der Knappenschmiede auf dem Platz, seitdem habe es einen ziemlichen „Aderlass“ gegeben, sowas hinterlasse Spuren. Auch Kehrer habe sich erst bewähren dürfen, als alle anderen verletzt waren, dabei solle man vor der Verpflichtung eines Externen „den eigenen Jungs eine Chance geben“. Vor drei Monaten sei Schalke deshalb beispielsweise ein junges Talent aus Trier entgangen, der beim 1. FC Köln eine bessere Chance gesehen habe.

Langhorst betont, Schalke müsse sein Bestes geben, um wieder mitzuhalten und das Level von Leipzig, Hoffenheim oder den Nachbarn erreichen zu können. Schalke sei eine „Riesenaufgabe“ und brauche eine „Spielphilosophie Schalke 04“, mit der sich alle identifizieren. In erster Linie sei dies natürlich Sache des Trainers und Sportvorstandes, diese bräuchten aber breite Rückendeckung. Zudem fehle noch einiges an Infrastruktur, deshalb werde das Berger Feld umgebaut.

Hefer hält das Zusammengehörigkeitsgefühl und die „extreme Loyalität“ der Schalke-Fans zu ihrem Verein für etwas, was Schalke von anderen Clubs unterscheidet. Er wünscht sich deshalb, dass die Aktivitäten und Taten des Vereins dieses Profil stärker unterstützen und sich gegen allgemeine Trends abgrenzen. Als Arbeiterverein stünde Schalke z. B. in Sachen günstige Ticketpreise eine Vorreiterrolle gut zu Gesicht.

Gesenhues geht noch einen Schritt weiter: Ohne Fans sei der Verein „wertlos“; die Fans seien ein deutschland- und europaweites Alleinstellungsmerkmal und der Hauptgrund dafür, dass die Marke Schalke bei Sponsoren gut zu vermarkten ist. Die Fans seien „das Einzige, was momentan wirklich funktioniert“, darauf müsse man sich gerade in Schwächephasen besinnen. Und: „Wir brauchen ein Konzept, damit nicht jeder Trainer und Manager wieder ganz von vorne anfängt“. Der Verein müsse die Leitlinien vorgeben und das Leitbild umsetzen und den Trainer danach aussuchen. Die Trainer der letzten zehn Jahre hätten „alle keine lange Halbwertszeit“ gehabt, also müsse der Verein und nicht der Trainer die passenden Spieler aussuchen. Hefer ergänzt, mit Ausnahme des DFB-Pokalsiegs 2011 seien alle anderen Schalker Titel unter Trainern errungen worden, die mindestens eine dreijährige Amtszeit auf Schalke hatten. Auf Schalke fehle oft die Geduld, Trainern auch mal Zeit zu geben und nicht nur auf den Tabellenstand, sondern auch die Entwicklung der Mannschaft zu schauen.

Langhorst weist darauf hin, dass der Aufsichtsrat festgehalten habe, wo er langfristig hinwolle. Christian Heidel habe eine Spielphilosophie entwickelt; so wolle Schalke u. a. mutig nach vorne spielen. Dies konnte mit Markus Weinzierl leider nicht umgesetzt werden. Auch wenn es viele Verletzte und eine relativ späte Kaderzusammenstellung gegeben habe: „Wir haben über weite Strecken keinen guten Fußball gesehen!“

Kemmer betont, Schalke habe immer für hervorragende Jugendarbeit gestanden. Ob nun 4-4-2 oder 4-3-3 gespielt werde, sei nicht Aufgabe des Aufsichtsrates, aber der Trainer müsse eine klare Ansage bekommen, dass die „Durchlässigkeit nach oben“ zur Profimannschaft bestehen muss. Für ihn sei es ein sehr trauriger Tag gewesen, als wir uns von Rangnick als „bestem Kopf im deutschen Fußball“ verabschieden mussten. Es sei nun Heidels Aufgabe, ebenso mit Verstand etwas aufzubauen. „Er hat nun ein Jahr ziemlich danebengelegen, das muss besser werden“.

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Danach wendet sich die Debatte dem Satzungsänderungsantrag zur „Reform“ des Wahlausschusses zu. Wenn es nach dem Willen weiter Teile der Schalker Gremien geht, soll die Mitgliederversammlung künftig nur noch die Hälfte der Wahlausschussmitglieder wählen dürfen, den Rest wollen sie selber entsenden bzw. benennen. Der Antrag wird in der Fanszene als Entmachtung der Mitgliederversammlung und „Erdogan-Antrag“ klar abgelehnt.

Gesenhues ist gegen den Antrag. Dieser verletze die Basisdemokratie. Er habe den Wahlausschuss als kompetent und fair erlebt und könne das Anschreiben (den Mitgliederbrief, dass der Wahlausschuss seiner Aufgabe nicht gerecht werde, Anm. der Verf.) nicht nachvollziehen. Es sei zudem befremdlich, dass der Aufsichtsrat selber und der von ihm kontrollierte Vorstand am Wahlausschuss zu seiner Besetzung mitwirken sollen.

Auch Hefer positioniert sich deutlich. „Ich war schockiert, als ich den Antrag das erste Mal gelesen habe“. Die Mitgliederversammlung als oberstes Organ wähle ohnehin nur 6 von 11 Aufsichtsräten – und das rollierend, so dass ein ziemlich guter Schutz gegen „emotionale Wallungen“ bestehe. Zudem könne man gerade „nicht sofort vor die Mitgliederversammlung springen“, sondern müsse seine Qualifikation vom Wahlausschuss überprüfen lasse. Die antragstellenden Gremien hielten die Mitglieder wohl für zu dumm, vernünftige Leute in den Wahlausschuss zu wählen. Die Begründung, es sei im „Interesse des Vereins“, habe ihn geschockt: Das Interesse der Mitglieder, weniger Wahlrechte zu haben, könne es nicht sein, also müsse es wohl das Interesse derer sein, die Privilegien haben und die gerne behalten möchten.

Kemmer betont, Schalke habe eine gute Satzung, die zudem erst letztes Jahr geändert worden sei. Er finde den Antrag „weder von der Zeitpunkt noch der Formulierung okay.“

Langhorst ahnt das Ungemach: Er sei der Einzige der Runde, der den Antrag unterschrieben habe. Und es gäbe auch Argumente dafür, die „paritätische Besetzung“ sei „durchaus okay“, schließlich komme ja kein Kandidat ohne die von der Mitgliederversammlung gewählten Wahlausschussmitglieder durch. Und die Gremien könnten „spezifische Kompetenzen“ einbringen. Der Unmut im Publikum wird hörbar, Langhorst gerät ins Stottern. Neiiiin, das sei kein Angriff auf die Basisdemokratie. Er selber sei auch Mitglied in einem Fanclub und wisse, dass die Fans unverzichtbar seien, aber „unterschiedliche Gruppen“ hätten sich zusammengesetzt und lange über den Antrag diskutiert.

Die erste Publikumsfrage kommt von Frank Linzenich, Rechtsanwalt und Wahlausschuss-Kandidat. Wie sich die aktiven Aufsichtsräte in puncto Loyalität und Zusammenhalt die weitere Zusammenarbeit vorstellten…? An dem „unsäglichen Theater“ der letzten JHV  sei doch deutlich geworden, dass es nicht passe? Dass sogar gegen den Verein geklagt werde? Hefer erläutert ausführlich, dass der Gesamt-Aufsichtsrat kein gutes Bild abgegeben habe, nun aber zum Glück einen besseren Weg gefunden habe. Und es habe ihm keinen Spaß gemacht, gerichtlich gegen den Verein, dem er emotional extrem stark verbunden sei, vorzugehen. Aber: Er habe bereits einige Gremienerfahrung gehabt und sich nach seiner Wahl mit den Strukturen des Schalker Aufsichtsrates vertraut gemacht. Dabei habe er schnell festgestellt, dass alle wesentlichen Entscheidungen gar nicht im Aufsichtsrat fielen, sondern in einen zweiköpfigen Eilausschuss „ausgelagert“ waren. Da er somit seine Kontrollpflichten, für die er gewählt worden sei, nicht habe erfüllen können, habe er ein halbes Jahr versucht, diese Praxis mit Gesprächen zu ändern, aber nichts erreichen können. Dann habe er auf eigene Kosten ein Rechtsgutachten eingeholt, das seine Auffassung bestätigt habe und dies seinen Aufsichtsratskollegen zugänglich gemacht. Das wiederum habe der Ehrenrat zum Anlass genommen, ihn seiner Position zu entheben – mit der Begründung des Geheimnisverrats. Dies habe das Landgericht dann in Bausch und Bogen abgeschmettert. Für diese klare Schilderung gibt es deutlichen Applaus des Publikums.

Langhorst ergänzt, er habe eine „etwas andere Sichtweise“, aber das sei „Schnee von gestern“. Entscheidend sei, „wie können wir uns verbessern“. Schalke brauche wieder mehr Zusammenhalt „wie 1997, als Huub und Rudi wie Pech und Schwefel zusammenhielten“.

Auch die nächste Frage zielt auf den Interessenkonflikt, wenn jemand für den Vorstand den AR, der ihn eigentlich kontrollieren soll, mitbestimmt. Und: Ob es im Sinne des Zusammenhalts förderlich sei, der Mitgliederversammlung auf den Weg zu geben, sie sei nicht kompetent, den Wahlausschuss zu wählen…? Langhorst betont, das Problem sehe er nicht, er halte die Mitglieder für absolut kompetent; sie hätten oft richtige Entscheidungen getroffen, aber es sei schwierig, das nach drei Minuten Rede auf der JHV zu entscheiden. Schließlich sei der Aufsichtsrat (!) das oberste Organ des Vereins… Korrektur aus dem Publikum: Nö, das ist die Mitgliederversammlung. Kemmer fühlt sich mittlerweile an „Das Leben des Brian“ erinnert, wo sich die Volksfront von Judäa und die judäische Volksfront beharken. Die Satzungsfragen würden zu sehr hochgekocht, Schalke habe andere Probleme.

Doch so leicht macht es das Publikum (das, kleiner Witz am Rande, der Verein gegen den ausdrücklichen Willen und die Absprache mit den Fanorganisationen dabeihaben wollte…) Langhorst nicht: Ob beim Ehrenrat, der zwei deftige Abfuhren vom Landgericht Essen kassiert habe und laut dessen Feststellungen bisweilen „willkürlich“ und „grob unbillig“ handele, nicht sehr viel größere Zweifel und Handlungsbedarf bestehen als beim Wahlausschuss…? Langhorst beeilt sich zu versichern, auch der Ehrenrat werde „intern hinterfragt“, aber bezüglich des Wahlausschusses stelle der Antrag nun einmal „die Lösung eines Problems, das an uns herangetragen wurde“ dar.

Der nächste Redner attestiert dem Antrag „breite Ablehnung und null Chancen auf die nötige Zweidrittelmehrheit“ – ob ein Rückzug denkbar sei? Langhorst antwortet, das könne er nicht allein entscheiden, sie hätten den Antrag lange kontrovers diskutiert und wollten ihn zur Abstimmung bringen. Ein weiterer Fragesteller hakt nach: Halten Sie den Antrag wirklich für sinnvoll? Langhorst verweist erneut auf die „zahlreichen Rückfragen aus der Fangemeinde“ und monatelange Diskussionen. „Alle konnten ihre Meinung einbringen“, also sei es „kein Angriff auf die Gemeinschaft, sondern eine pragmatische Lösung“. Die letzte zugelassene Frage zu dem Komplex lautet dann folgerichtig: Wer wurde denn alles beteiligt…? Der Vorstand (!), die Traditionsmannschaft (!!!) und der SFCV – „das war für uns eine relativ breite Mehrheit“. Im Publikum haben sich mittlerweile einige vor lauter Kopfschütteln in Wackeldackel verwandelt, über die Traditionsmannschaft als Meinungsgeber für eine Satzungsänderung von dieser Tragweite kommen sie nicht so einfach hinweg. „Beerdigung erster Klasse!“ raunt ein Schnauzbartträger.

Die abschließenden beiden Fragen gehen ein wenig hinter dem Themenkomplex „Satzung“ unter, seien der Vollständigkeit halber aber auch noch erwähnt: Auch der Aufsichtsrat brauche Top-Leute, ob da im Vergleich zu beispielsweise dem BVB und Bayern nicht Handlungsbedarf bestehe? „Wie wollen Sie den Aufsichtsrat besser machen?“ Gesenhues möchte „keinen Streit und Gerichtsurteile“; Hefer findet, „einige Elemente der Aktiengesellschaft wie die klare Trennung von Vorstand und Aufsichtsrat und Transparenz würden uns gut tun“. Kemmer fragt, wie viel Herzblut denn so ein DAX-Vorstand wie z. B. Markwort wohl investiere, so schlecht sei Schalke da gar nicht aufgestellt. Dem schließt sich Langhorst an, „nicht die Dekoration, sondern Herzblut und Kompetenz“ seien wichtig.

Der letzte Zuhörer erläutert, er wolle sich ein Bild machen, wen er am Sonntag wähle und vermisse klare Ich-Botschaften, was konkret die Kandidaten tun wollten, um Schalke besser zu machen als im letzten Jahr. Gesenhues: Konzeption entwickeln, Talente der Knappenschmiede begleiten, mehr in Fankultur investieren. Hefer: Jugendarbeit als langfristige Strategie, bessere Chancen für Jugendspieler und „mehr Ruhe reinbringen“. Kemmer: Nicht nur für das Budget, sondern auch die Wünsche von Elgert und Runert  kämpfen. Langhorst: Fußball muss wieder Thema Nummer 1 sein, nicht ständige vereinspolitische Querelen.

Abschließend fordert Moderator Schäuble die vier Kandidaten auf, „Schalke in einem Satz“ zu beschreiben. Gesenhues hat mit „Frei nach Loriot: Ein Leben ohne Schalke ist möglich, aber sinnlos“ die Lacher auf seiner Seite, auch Hefer („Ein Teil meines Lebens!“), Kemmer („macht mich zu oft verrückt“) und Langhorst („kann mir mein Leben ohne nicht vorstellen“) wissen zu gefallen. So endet der Abend bei „Blau und Weiß, wie lieb ich Dich“ doch noch versöhnlich. Allen Schalker sei trotzdem empfohlen, sich das youtube-Video des Abends anzuschauen und sich ihre eigene Meinung zu dem Satzungsantrag und den Kandidaten zu bilden…

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