Grandioser Support der Schalke-Fans wird nicht belohnt

Übler Rückfall in den Rumpelfußball bei der 0:1-Niederlage in Hannover

Es hätte so schön sein können: Kaiserwetter und eine fünfstellige Zahl von Schalkern in Hannover, um einen der geilsten Märsche aller Zeiten aufs Parkett zu legen und die Mannschaft über 90 Minuten nonstop nach vorne zu schreien. Die königsblaue Elf lässt sich aber leider nicht von der Power ihrer Anhänger mitreißen und verliert völlig zu Recht bei Aufsteiger Hannover 96 mit 0:1 (0:0).

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Ein Jahr mussten die Schalkefans auf den „Familienausflug“ in die niedersächsische Hauptstadt verzichten, jetzt ist es endlich wieder soweit:  Die A 2 ist bereits am Sonntagmorgen eine einzige königsblaue Karawane, aus jedem zweiten Auto hängen Schals, Brune-, Bosch- und sonstige Busse rollen gleich dutzendweise nach Osten.

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„Nordkurve in Deiner Stadt: Alle in Weiß nach Hannover!“ lautete das Motto der Ultras Gelsenkirchen und so tummeln sich bereits über 04 Stunden vor dem Spiel gut 5.000 Schalker auf dem Parkplatz eines Baumarktes. Kein anderer Verein bringt so viel positiv Bekloppte auf die Beine! Die Motto-Shirts finden mehr als reißenden Absatz; wer zu spät kommt, den bestraft bisweilen allerfeinste Wurstpellen-Optik, denn die größeren Größen sind als erstes weg. Das tut der guten Laune keinen Abbruch, überall stehen, sitzen und liegen entspannte Schalker in der Sonne und teilen die mangels Nachschub etwas spärlichen Getränkevorräte. Auch die Hannoveraner Polizei staunt über den gigantischen Auflauf, zeigt sich aber erfreulich relaxed. Ein besonders gutgelaunter Motorrad-Cop lässt sich sogar lachend von einem Schalker Original mit einem Sticker „Ultra-Terror“ verzieren.

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Gegen halb vier kommt Bewegung in den weißen Flashmob, die Trommel ruft. Mit einem herzhaften „Hannover fällt!“ geht es auf den Marsch zum Stadion. Es folgt „Wir kommen aus Gelsenkirchen“ aus mehreren Tausend Kehlen, die Arme in den blauen Hannoveraner Himmel gereckt. Wer jetzt kein „Hühnerfell“ bekommt, ist aus Stein!

Lautstark geht es weiter, einige Unterführungen steigern den Sound weiter. Bei „In der Nordkurve steh’n, im Pappbecher Bier…“ brechen alle Dämme. Ebenso heiter geht es weiter, selten war „Ohne Schalke wär hier gar nix los“ so treffend. Auch „Eine Stadt erstrahlt in blau…“ und „Schalke, ich bin für Dich geboren…“ dürfen natürlich nicht fehlen.

An dieser Stelle ein dickes Kompliment an die begleitenden Polizisten, die gutgelaunt vorneweg marschieren bzw. reiten und die Schalker Party selbst dann nicht stören, als ein paar blaue Rauchtöpfe „Stadionverbote halten uns nicht auf“ und „Für die Jungs die draußen steh’n“ untermalen. Auch „Hurra, hurra , die Schalker die sind da“ und einige untergürtelliniege Liebesgrüße an RedBull-Boss Mateschitz auf der Zielgeraden bringen die Uniformierten nicht aus der Ruhe. Am Stadion gibt es via Lautsprecherwagen freundliche Durchsagen zu den Eingängen, so viel Fingerspitzengefühl wünscht man sich als Fußballfan öfter.

Die Marschierer löschen ihren Brand an den Getränkeständen, dann werden die steilen Treppen zur HDI-Arena erklommen. Im Stadion fällt der Stadionschreier, pardon, -sprecher negativ auf, der den fehlenden Support der Heimfans offenbar im Alleingang akustisch auffangen möchte. Für großen Jubel und begeisterte Sprechchöre sorgt hingegen Kapitän Fährmann, der im Mottoshirt zum Warmmachen rauskommt und es grinsend über der Eckfahne drapiert. Später folgt auch die Mannschaft „ganz in Weiß“. Die Kurve – ey, mehr Weiß als in einem Brautmodengeschäft! – feiert allem Wechsel-Hick-Hack zum Trotz lautstark Benni Höwedes, Höwedes!

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Da die Heim-Ultras aus Protest gegen Clubchef Martin Kind nicht supporten, kommt die lautstarke Schalker Unterstützung vollkommen ungehindert zur Entfaltung. Schalalala und Ruhrpottkanaken sorgen für ein Heimspiel in Hannover! Untermalt wird das Schauspiel durch blaue Fahnen im Ober- und weiße Fahnen im Unterrang.

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Die Heimkurve zeigt dagegen ein großes Banner „Kind muss weg“. Viele kritische Spruchbänder machen deutlich, wie tief der Riss zwischen dem umstrittenen Clubchef und der Fanszene ist. „Martin Kind: Ein lupenreiner Demokrat“, „Cash rules everything“, „50 + 1 ist alternativlos“, „Wo nur Dein Profit regiert, wird jede Stimme erstickt“ und „Keine Stimmung ohne Mitbestimmung“ sind nur einige der Spruchbänder. Versöhnlicher hingegen der Dank an alle Unterstützer nach dem Unfalltod eines jungen Fans.

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Tja, wenn die Heimkurve schweigt, tragen plötzlich bei der Mannschaftsaufstellung alle Spieler den gleichen Nachnamen, der mit A anfängt und auf –loch endet. 😉 Das Vereinslied „96, alte Liebe“ geht aber störungsfrei über die Bühne, dann übernehmen die Schalker wieder die akustische Lufthoheit. Wenn bei „Steht auf, wenn Ihr Schalker seid“ fast das halbe mit 49.000 Besuchern ausverkaufte Stadion aufspringt, weißte Bescheid.

Trotzdem, es nützt nix: Fußball wird auch noch gespielt. Und da sieht es für Königsblau nicht so erfreulich aus wie auf den Rängen. Obwohl Trainer Domenico Tedesco die gleiche Elf aufs Feld schickt, die in der Vorwoche Vizemeister Leipzig mit einer sehr couragierten Leistung 2:0 abfertigte, läuft nur wenig zusammen. In der ersten Viertelstunde scheinen beide Strafräume vermintes Gebiet zu sein, das Spiel plätschert im Mittelfeld vor sich hin. Das Schreckgespenst der letzten Saison, der Harakiri-Rückpass auf Fährmann, feiert seine Wiedergeburt.

Trotz nicht versiegender Unterstützung der Kurve mit „Auf geht‘s Schalke, schieß‘ ein Tor“, „Olé blau-weiß“, „Um die halbe Welt sind wir gefahr’n“, „ Geh‘n mit dir auf jede Reise“ und einem beeindruckenden Wechselgesang Schalke – nullvier!!! zwischen Ober- und Unterrang liegen die ersten Chancen auf Seiten der Hausherren. Zum Glück ist Fährmann gegen Sané (16.) und Klaus (17.) auf dem Posten. Auf der anderen Seite semmeln di Santo und Caligiuri über eine Oczipka-Flanke.

Mit zunehmender Spieldauer verschiebt sich die Waage immer weiter zugunsten der Hannoveraner. Konoplyanka und Harit laufen zwar wie die Duracell-Häschen, etwas Zählbares kommt jedoch nicht dabei rum; am Ende des ersten Durchgangs stehen 9:2 Torschüsse für den Aufsteiger zu Buche. Da hilft auch die wunderschöne Performance von „Schalke nullvier, Tradition aus dem Revier, seit vielen Jahren schooon, uns’re Religiooon“ nicht.

Die Stimmung im Gästeblock in der Pause ist trotzdem noch gut. „Der Marsch war endgeil“ und „irgendwann muss Hanoi doch müde werden“ lauten die Parolen. Und hey, da macht sich Burgstaller für di Santo warm, alles wird gut.

Leider Irrtum. Bereits kurz nach der Pause muss sich die Schalker Kurve wieder übel aufregen, als Sané im Strafraum eine Flanke von Oczipka mit der Hand zur Ecke abwehrt und Schiri Ittrich trotz andächtigen Lauschens auf den Video-Schiedrichter keinen Elfer gibt. Die Kommentare der Kurve zu Sinn und Unsinn des Videobeweises sind samt und sonders nicht druckreif.

Ebenfalls deftig sind zahlreiche Transparente gegen Martin Kind. „In Hannover die größte Schande: HAZ, NP & Martins Bande“ oder „Vielleicht zerstört ihr den Verein, doch uns kriegt ihr niemals klein: Kind muss weg“ ist zu lesen. Dazu stellen beide Kurven in seltener Einigkeit Vermutungen über eine horizontale Beschäftigung von Martin Kinds Mutter an. Weil die Hannoveraner es zunächst nicht kapieren, zeigen Ober- und Unterrang, wie’s geht: Sch… Martin Kind…

Auf dem Platz kann indes der trotz EL-Qualifikation auf Schalke geschasste Hannoveraner Coach Breitenreiter einen inneren Vorbeimarsch feiern: Seine Einwechslung von Jonathas erweist sich als goldrichtig; der Joker trifft nach gerade einmal fünf Minuten nach Kehrer-Patzer und Bakalorz zum Tor des Tages (67.).

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Plötzlich hört man erstmals an diesem Tag die Heimfans: „Hier regiert der HSV…!“ „Warum seid Ihr H*ren so leise?“ schallt zurück, dann schüttelt sich der Schalker Anhang einmal kurz und supportet weiter. „Für deine Farben leben und sterben wir“,  „Wir kommen aus Gelsenkirchen“ und „Schalke, ich bin für Dich geboren“ sind laut, erreichen aber die Mannschaft nicht.

Tedesco und Breitenreiter turnen Seite an Seite an der Seitenlinie lang. „Sex mit dem Ex ist immer doof!“ stellt ein beleibter Schalker griesgrämig fest. Auch die Einwechslungen von Meyer für Harit und Reese für Caligiuri und rund 5 Minuten Nachspielzeit wenden das Blatt nicht mehr, der Youngster trifft nur das Außennetz. Aus, vorbei, eine ebenso unnötige wie ärgerliche Niederlage.

Die Hannoveraner freuen sich ein Loch in den Bauch über den ersten Bundesliga-Heimsieg und den gelungenen Start, die Schalker stehen bedröppelt im Kreis. Als sie zaghaft vor die Kurve schleichen, sind etliche Weißgekleidete schon frustriert abgewandert, der Rest feiert den sichtlich ergriffenen Benni Höwedes. „Hoffentlich ist das nicht der endgültige Abschied!“ seufzt eine Schalkerin.

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Was bleibt, ist Ernüchterung. „Jetzt muss Tedesco zeigen, was er wirklich draufhat“ spricht ein älterer Königsblauer aus, was viele denken. Ob die Länderspielpause sinnvoll genutzt wird, können die Fans am 10. September beim Heimspiel gegen den zweiten Aufsteiger aus Stuttgart überprüfen…

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